Finanzkommunikation entscheidet über das Vertrauen am Kapitalmarkt und beeinflusst die Art, wie Unternehmen und Konzerne von Investierenden und Medien bewertet werden. Geschäftsberichte haben entscheidenden Einfluss auf Kursentwicklungen, sie sind eine der wichtigsten Visitenkarten eines Konzerns oder Unternehmens.
„Zeitdruck und Abstimmungsschleifen bei der Übersetzung sind massiv“
so Heike Leinhäuser, Geschäftsführerin der Leinhäuser Language Services GmbH. Im Interview gibt sie einen Einblick in die hochkomplexen Prozesse der Finanzkommunikation und verweist auf die „Büchse der Pandora“, die ein Kunde geöffnet hat, als er versuchte, seinen Geschäftsbericht per KI zu übersetzen – ein Experiment, das statt Effizienz massive Mehrarbeit verursachte.
Heike, nur wenige Sprachdienstleister spezialisieren sich auf die Übersetzung von Finanzkommunikation. Woran liegt das?
Die Finanzkommunikation macht nur einen Bruchteil der gesamten Unternehmenskommunikation beziehungsweise des gesamten Übersetzungsvolumens eines Konzerns oder Unternehmens aus. Wir sprechen also über ein relativ kleines Volumen, das extrem geschäftskritisch ist und eine sehr hohe Spezialisierung erfordert. Für die einen ist sie damit eine spannende Nische und Herausforderung, für andere thematisch ein echter Angstgegner. Wer hier nicht sattelfest ist, wird abgeschüttelt und muss um seine Reputation bangen. Hinzu kommt: Ein bedeutender Teil der Finanzkommunikation besteht nicht aus Text, sondern aus einem hochkomplexen Zahlenwerk. Dieses müssen Übersetzerinnen und Übersetzer im jeweiligen Kontext verstehen und die exakten Begrifflichkeiten kennen, um Inhalte korrekt zu übertragen – oder genauer: um sie sauber in den Bilanzierungssystemen HGB oder IFRS abzubilden.
Worin unterscheiden sich HGB und IFRS?
Beide Systeme verfolgen unterschiedliche Ziele: Der Fokus der Übersetzung nach Handelsgesetzbuch, kurz HGB, ist Gläubigerschutz. IFRS dagegen folgt internationalen Standards, die Investoren umfassend informieren. Entsprechend verwenden beide Systeme unterschiedliche Begrifflichkeiten. Generalistinnen oder Generalisten können das nicht. Wir sprechen hier von der seltenen Kombination von Bilanzierungswissen und hochspezialisierter Übersetzungskompetenz.
Die Finanzkommunikation gilt in der Sprachdienstleistung als Krone der Übersetzung. Unser Team ist in der Übersetzungsphase im ständigen Austausch mit der Kommunikationsabteilung oder Investor Relations. Das setzt Mut zum Sparring auf Augenhöhe voraus.
Gibt es weitere Gründe, warum nur wenige Sprachdienstleistungsunternehmen das Feld der Finanzkommunikation bespielen?
Neben der hohen Fachkompetenz im Bereich der Bilanzierung müssen wir uns in der Berichtsaison auf eine höchst intensive Arbeitsphase einstellen. In diesen Wochen werden im Eiltempo Zahlen aktualisiert, Übersetzungen erstellt und immer wieder auf‘s Neue Abstimmungen eingeholt. Alles unter der Prämisse der maximalen Präzision. Die Durchlaufzeiten sind extrem knapp. Timelines ändern sich permanent. Jede Redaktionssitzung auf Kundenseite bringt Veränderungen und erneute Abstimmungen mit sich. Der Druck ist enorm hoch, da Veröffentlichungspflichten den Zeitplan bestimmen. Wir bei Leinhäuser Language Services kennen die heißen Phasen, die vor allem im Endspurt vor der Veröffentlichung anstehen, und sind auf diese extremen Anforderungen bestens vorbereitet.
Die wichtigste Serviceleistung von Leinhäuser an Unternehmen und Konzerne im Bereich der Finanzkommunikation ist unbedingte Verfügbarkeit. Unsere Teams sind eingespielt. Unsere Workflows stehen.
Und wie genau gelingt euch das?
In den letzten 10 Jahren haben wir uns immer stärker auf Finanzkommunikation spezialisiert. Viele unserer Account Manager haben mittlerweile umfassendes Bilanzierungswissen. Vor allem aber haben wir uns einen verlässlichen Expertenpool aufgebaut: Etwa drei Viertel der weltweit verfügbaren Übersetzerinnen und Übersetzer, die sich auf Accounting spezialisiert haben, arbeiten partnerschaftlich mit Leinhäuser. Sie kennen den Jahresrhythmus unserer Kundinnen und Kunden bei der Erstellung von Geschäftsberichten und stehen uns in diesen Phasen verlässlich zur Verfügung. Gleichzeitig wissen sie: Unser hohes Auftragsvolumen sorgt in der Berichtsaison – also vor allem im Q1 – für eine kontinuierliche, planbare Zusammenarbeit.
Im Markt gibt es Zigtausende von Freelance-Übersetzerinnen und -Übersetzern. Fit im Accounting – hier sprechen wir vornehmlich von Deutsch, Englisch und Französisch – sind knapp 100. Diese Zahlen zeigen: Nur Wenige sind auf Bilanzierungswissen spezialisiert. Etwa drei Viertel der weltweit verfügbaren Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten mit Leinhäuser zusammen.
Was genau zählt alles zur Finanzkommunikation? Ist das „nur“ der Geschäftsbericht oder gehört da noch mehr dazu?
Der Geschäftsbericht ist das zentrale Dokument, der Kern der Finanzkommunikation. Daneben gehören alle weiteren verpflichtenden Veröffentlichungen dazu, die rund um Börsengang, Quartalszahlen oder Hauptversammlung fristgerecht bereitstehen müssen. Dazu zählen insbesondere Pressemitteilungen zur Finanzlage sowie Ad-hoc-Mitteilungen, die bei kursrelevanten Ereignissen unverzüglich veröffentlicht werden müssen. Diese verpflichtende Finanzkommunikation muss in mindestens 2 Sprachen herausgegeben werden. In der Regel Deutsch und Englisch. Oftmals wird aber heute auch schon die Übersetzung in Sprachen wie Französisch, Spanisch und Chinesisch realisiert, um Investorinnen und Investoren zu informieren.
Ist Geschäftsbericht gleich Geschäftsbericht? Oder gibt es Unterschiede?
Kurz gesagt: Nein, Geschäftsbericht ist nicht gleich Geschäftsbericht.
Es gibt deutliche Unterschiede: rechtlich, inhaltlich und kommunikativ. Die Unterscheidung liegt im Rechtsrahmen und den damit verbundenen Veröffentlichungspflichten, den Zielgruppen, aber auch schlicht in der Größe des Unternehmens. Ein KMU-Geschäftsbericht ist oft kurz und pragmatisch, setzt auf Vertrauensbildung und dient als Kommunikationsinstrument. Für uns bedeutet das in der Regel, dass wir einen Text erhalten, der bereits final ist, und den wir übersetzen. Konzernberichte dagegen erfordern einen hohen Abstimmungsbedarf, sind stark reguliert, Wirtschaftsprüfungsunternehmen sind involviert. Mittlerweile sehen wir bei Konzernen viele integrierte Geschäftsberichte, die auch den Nachhaltigkeitsbericht enthalten. Hier sprechen wir bei Leinhäuser Language Services nicht mehr von Texten und deren Übersetzungen, sondern von Projekten, die teilweise über Monate laufen und Manpower erfordern und binden. Wir fungieren als verlängerter Schreibtisch der Konzern-Kommunikatoren.
Worin liegen die größten Herausforderungen bei der eigentlichen Übersetzung eines Geschäftsberichts?
Der Geschäftsbericht besteht aus mehreren Teilen: Darunter der Lagebericht und gegebenenfalls auch der Image- und Managementteil. Diese Berichtsteile sind der inhaltliche Kern des Geschäftsberichts und beschreiben beispielsweise das Geschäftsmodell und die Strategie, das Wirtschaftsumfeld, Chancen und Risiken. Der formell-rechtliche Teil ist der Jahresabschluss mit dem Anhang. Dieser besteht aus umfangreichem Fließtext in Kombination mit Tabellen. Diese müssen, wie schon gesagt, im jeweiligen Bilanzierungssystem mit den entsprechenden Begrifflichkeiten in die Zielsprache übertragen werden. Also HGB oder IFRS. Dieser Anhang kann schon mal bis zu 100 Seiten umfassen. Der Teufel liegt aber nicht so sehr im Umfang, sondern im einzelnen Wort. So gibt es im Englischen allein 4 verschiedene Begriffe für das Wort Abschreibungen. Um die richtige Übersetzung zu finden, müssen unsere Spezialistinnen und Spezialisten den jeweiligen Kontext verstehen. Die Herausforderung liegt in der perfekten Symbiose aus Fachwissen, Ad-hoc-Verfügbarkeit und gelebter Verantwortung in Punkto Korrektheit und Datensicherheit: Keine Zahl, kein Wort darf vor der offiziellen Veröffentlichung nach außen dringen.
Die TISAX®-Zertifizierung garantiert unseren Auftraggeberinnen und Auftraggebern, dass ihre Daten und Informationen bei uns sicher sind. Nichts dringt vor der offiziellen Veröffentlichung nach außen. Mit baulichen Sicherheitsvorkehrungen, verschlüsselten Übertragungen und geschulten Teams haben wir bei Leinhäuser unser eigenes Fort Knox installiert.
Kommt es vor, dass Kundinnen und Kunden die Komplexität der Finanzkommunikation unterschätzen?
Unsere Ansprechpersonen in den Unternehmen sind alle Vollprofis. Dennoch kommt es immer wieder einmal vor, dass die Koordination hakt, weil sie ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen nicht einschätzen können. Wenn dann die Timelines reißen, müssen wir nicht nur schnell, sondern am allerschnellsten arbeiten. Mittlerweile ist das für uns ein kalkulierbares Risiko. Wir wissen: Timelines verschieben sich immer.
Stimmt es, dass der frühere Managementteil im Geschäftsbericht vom Nachhaltigkeitsbericht abgelöst wurde? Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit im Corporate Reporting?
Abgelöst würde ich nicht sagen. Aber es hat eine Verschiebung stattgefunden. Inhalte aus dem Bereich der Corporate Communication fließen seit Jahren immer mehr in die Nachhaltigkeitsberichterstattung ein. Durch die Empowering Consumers Richtline der EU ist nun auch dieser Part immer nüchterner und zahlenlastiger geworden. Um Greenwashing entgegenzuwirken, erhält der Nachhaltigkeitsbericht seine Substanz heute nicht durch schöne Worte, sondern durch belegbare Zahlen und Fakten. Die Bedeutung von Nachhaltigkeit im Corporate Reporting ist entsprechend gewachsen: Nachhaltigkeitskommunikation ist heute ein fester Bestandteil der Finanzkommunikation.
Reden wir über Effizienz: Setzt Ihr bei Leinhäuser KI in der Finanzkommunikation ein?
Schon aufgrund der Vorgaben hinsichtlich IT-Security im Bereich der Finanzkommunikation setzen wir hier kaum KI ein. Es liegt in unserer Verantwortung Daten und Informationen davor zu schützen, dass sie geleaked werden. Interne Tools wie eigene Satzdatenbanken sichern uns trotzdem einen hohen Effizienzvorsprung. Gerade wiederkehrende Kundinnen und Kunden profitieren davon, dass wir bereits freigegebene Inhalte und Formate aus dem Vorjahr in unseren Tools hinterlegen und wiederverwenden können. Das spart enorm Zeit und die Technologie ist absolut safe.
Gibt es Unternehmen, die dennoch den Einsatz von KI in der Finanzkommunikation verlangen?
Bislang nicht. Insbesondere DAX-Konzerne haben eine ganz andere Awareness für die Brisanz der Finanzkommunikation als Mittelständler. Oftmals verfügen sie sogar über eine eigene Intensitätsskala für Kommunikation, in der die Verwendung sensibler Begriffe genau festgelegt ist. Aber: Ein Kunde hat sich im letzten Jahr selbst an der Übersetzung seines Geschäftsberichts mit KI versucht – und ist in diesem Jahr wieder zu uns zurückgekommen. Von Effizienz keine Spur! Er konnte nicht auf unsere Technologien zugreifen, die zuerst die freigegebene Version des Vorjahres übernehmen und dann die neuen Zahlen und Daten integrieren. Er hat also das Original von der KI übersetzen lassen und musste dann alle 120 Seiten Wort für Wort überprüfen. Ohne unsere Workflows, ohne unser Know-how, ohne unser Mehr-Augen-Prinzip ein exzessives Korrekturlesen.
KI ist für die Finanzkommunikation nicht geeignet: KI ist nicht konsistent in der Sprache, hält sich nicht an Formatierungsvorgaben und ist fehlerhaft beim Korrekturlesen. Finanzkommunikation gehört ausschließlich in Profi-Hände. Nicht in die Hände von Generalistinnen oder Generalisten und auch nicht in die KI.
Was ist Dein wichtigster Rat für Konzerne und Unternehmen im Umgang mit Finanzkommunikation?
Für die Unternehmen selbst habe ich keinen Rat. Sie sind alle Profis. Als Partner tragen wir unseren Teil dazu bei, dass die Informationen pünktlich veröffentlicht werden. Ich habe eher eine Botschaft an uns selbst, unsere Teams bei Leinhäuser Language Services: „Denkt daran, Ihr seid der Fels in der Brandung. Darauf seid Ihr trainiert“. Daraus ergibt sich eine Botschaft an Unternehmen, die jetzt gerade vor der Herausforderung „Geschäftsbericht“ stehen: Wir begleiten euch professionell, funktionieren und behalten einen kühlen Kopf. Wenn`s sein muss Tag und Nacht.

Redaktionsteam Leinhäuser
Sprachen sind unsere Leidenschaft. Deswegen nehmen wir regelmäßig auch aktuelle Entwicklungen und neue Tools unter die Lupe, die sich auf die Welt der Kommunikation auswirken. In verschiedenen Blogbeiträgen teilen unsere internen Expertinnen und Experten ihr Wissen und ihre Erkenntnisse zu spezifischen Bereichen unseres Portfolios und beleuchten wichtige Zukunftstrends für unsere Branche. Von kreativem Schreiben über Nachhaltigkeitsberichte bis hin zur Programmierung – jedes Mitglied unseres Teams zeichnet sich durch ein einzigartiges Profil aus und trägt so einem vielfältigen Gesamtbild bei.




